(Rezension) Anne Freytag - 434 Tage

434 TAGE 
von ANNE FREYTAG


Selfpublished über CreateSpace Independent Publishing Platform
Erschienen im September 2013
ISBN 978-1-49221-708-4
Format: Taschenbuch
Preis: 9,90 Euro
Seiten: 224



Dies ist die Geschichte einer Dreiecksbeziehung. Die Geschichte einer Affäre, einer Leidenschaft und ein paar gestohlener Stunden in irgendwelchen Hotelzimmern. - Auf den ersten Blick jedenfalls. 
Auf den zweiten Blick jedoch ist es viel mehr als das, denn diese Affäre ist nur die Verpackung einer großen Tragödie. Einer Tragödie darüber, wie man sich mit seinen Selbstzweifeln, seinem Selbsthass und permanenter Selbstverleugnung systematisch zugrunde richten kann. 

- "Mit Tobias war ich die Erwachsene, die Vernünftige, die Planerin. Und mit Julian die junge Wilde, die Lebendige, die Ungestüme, die Träumerin. So, als könnte ich nicht beides auf einmal mit nur einem Mann sein. Ich könnte mit Tobias nicht so sein, wie mit Julian und umgekehrt. Zumindest denke ich das. Versucht habe ich es, ehrlich gesagt, nie." - Zitat Seite 88

Die Autorin lässt uns eintauchen in Anjas Gedankenwelt. In die Gedanken einer Ich-Erzählerin, die sich selbst etwas vormacht, indem sie rational und vernünftig denkt, sich kultiviert, geradezu steif benimmt und sich ein sicheres Leben mit einem guten Job in einem supermodernen Eigenheim an der Seite eines erfolgreichen Mannes aufgebaut hat. So möchte Anja von anderen wahrgenommenen werden und so möchte sie sich selber ebenfalls sehen. Und das gelingt ihr auch zunächst prima. Zehn Jahre lang, um genau zu sein. Zehn Jahre, in denen sie sich und ihre Gefühle verleugnet. Bis eine Geschäftsreise nach Genf alles verändert....

Denn da gab es einmal diesen einen ganz besonderen Mann. Die große Liebe, die nie in Vergessenheit geriet und an der alle zukünftigen Männer gemessen wurden. Julian hiess er, den keiner von seinem von Anja errichteten Thron schubsen konnte. Und Julian läuft ihr in Genf über den Weg. Mit seiner derzeitigen Freundin. Arrogant und selbstgefällig, geradezu unverschämt ist er Anja gegenüber - und braucht doch keine 48 Stunden, um sie in sein Hotelbett zu locken. 

Als Leserin mochte ich zunächst weder Anja noch Julian. Meine ganzen Sympathien galten Tobias, Anjas Mann, der derjenige ist, der sie immer warmherzig zuhause willkommen heißt, der auf sie wartet, der ihre Schulter zum Anlehnen und ihr bester Freund ist. Kurz: Derjenige, der ihr Sicherheit gibt.

Doch Anja setzt diese Sicherheit ein ums andere Mal auf's Spiel, indem sie eine Affäre mit Julian beginnt. Und hier versteht es die Autorin absolut grandios, uns als Leser in Anjas Gefühlslage und in ihre Gedanken hineinzuversetzen. Denn Anja weiß, dass sie mit Julian keine Zukunft hat - schließlich hat er sie damals nach einer fünfjährigen Beziehung ohne mit der Wimper zu zucken wegen eines Praktikums in New York verlassen. Doch sie kann nicht anders. Sie schämt sich vor sich selbst und nimmt sich Tag für Tag auf's Neue vor, diese Beziehung zu beenden und ihre Ehe mit Tobias nicht weiter auf's Spiel zu setzen. Und Tag für Tag scheitert sie. Wegen der Eichhörnchen, die in ihrem Bauch tanzen, wenn sie an Julian denkt, wegen ihres inneren Dämons, der ganz klar auf Julians Seite steht und weil sie sich mit ihm einfach lebendig fühlt. Jedenfalls solange sie mit ihm zusammen ist.

Anne Freytag schafft es mit einem großen Gespür für die treffende Wortwahl wunderbar, Anjas innere Zerrissenheit, durch die sie langsam aber sicher vor die Hunde geht, hervorzuheben. Anjas Gedankenkarussell kreist immer und immer wieder nur um Julian und Tobias, Tobias und Julian. Das komplette Buch hindurch. Und trotzdem wird es nie langweilig, da die Autorin uns mit überaus klugen und absolut nachvollziehbaren Gedankengängen an die Geschichte fesselt. Häufige Zeitsprünge, die die Vorgeschichte von Anja und Julian erzählen und meist unvermittelt auftauchen, geben noch einmal eine besondere Würze dazu.


Ein Roman, in dem man sich verlieren kann, aus dem man am Ende sprach- und fassungslos auftaucht, bei dessen Geschichte man sich in mindestens zwei der Protagonisten rigoros täuscht und nach dessen letzter Seite man einen dicken Kloß im Hals und das dringende Bedürfnis hat, erstmal eine Runde um den Block zu laufen und das Gelesene sacken zu lassen. 

Eine großartige Erzählkunst, völlig kitschfrei und absolut realistisch, von einer Autorin, deren Namen man sich unbedingt merken sollte! 

MEIN FAZIT lautet hier: 5/5 BÜCHEREULEN 



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