(Rezension) Ulrike Renk - Das Lied der Störche

Aufbau Verlag

www.aufbau-verlag.de

 

Erschienen im Januar 2017

ISBN 978-3-7466-3246-9

 

Format: Taschenbuch

Preis: 12,99 Euro

Seiten: 512

 

 

 

 

Romane, die auf wahren Tatsachen beruhen, ziehen mich immer magisch an. Historische Romane ebenso. Und obwohl ich das Mittelalter eigentlich viel lieber mag als die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, war "Das Lied der Störche" für mich ein unbedingtes Muss. Denn die Handlung trägt sich in den 20er Jahren auf einem Gut in Ostpreußen zu und einige der Protagonisten haben wirklich gelebt.

 

Kann sein, dass ich ein wenig romantisch verklärt bin, was Ostpreußen angeht, aber ich verbinde mit diesem Wort immer herrschaftliche Gutshäuser, Pferde und ganz viel unberührte Natur. Und richtig, all das trägt seinen Teil zu diesem Roman bei. Aber da ist noch viel viel mehr...

 

Der Leser begleitet in "Das Lied der Störche" die junge Frederike von Weidenfels durch ihre Kindheit und Jugend, die zunächst vom Verlust des Vaters und anschließend des Stiefvaters geprägt ist und schließlich mit dem dritten Ehemann der Mutter auf dessen Gut Fennhusen bei Graudenz zur Ruhe kommt.

 

Frederike und ihre beiden Halbgeschwister Fritz und Gerta sind zunächst wenig begeistert, in die tiefste Provinz ziehen zu müssen und dort von einem verhassten Hauslehrer unterrichtet zu werden. Die nächste Stadt, ja sogar der nächste Nachbar, sind weit entfernt und die Kinder wissen anfangs nicht viel in dieser Einöde anzufangen.

 

Ihr Stiefvater Erik von Fennhusen ist jedoch ein sowohl gütiger als auch kluger Mann: Er lässt die Kinder Kinder sein, verlangt von ihnen allerdings auch Einsatz bei Arbeiten auf dem Gut. Sie sollen lernen, dass solch ein großes Anwesen sich nicht von selbst führt, dass sie als die "Herrschaften" nichts sind ohne die vielen Angestellten, die tagein, tagaus ihrer Arbeit nachgehen. Eriks Plan geht auf, denn die Kinder fühlen sich schon bald heimisch und sehen Gut Fennhusen als ihr geliebtes Zuhause an.

 

Frederike ist mit ihren anfangs 11 Jahren das älteste und vernünftigste der Kinder. Manchmal durchaus etwas zu altklug und erwachsen wirkend, allerdings war die Erziehung von 1920 ja auch meilenweit von der heutigen entfernt. Frederike umschwebt jedoch auch immer ein Hauch von Melancholie, denn sie hat guten Grund, um ihre Zukunft zu fürchten. Während Fritz und Gerta die Kinder von Erik von Fennhusens Bruder sind, der im Krieg starb, und somit gebürtige von Fennhusens, hat Frederike als gebürtige von Weidenfels das Nachsehen. Ihr steht weder ein Erbe noch eine Mitgift zu - und das ist schon der 11jährigen klar.

 

1920 war es noch nicht üblich, dass Frauen für sich selbst sorgten und so kommen für Frederike nur drei Optionen in Frage: Eine gute Partie machen und einen reichen Gutsbesitzer heiraten. Als Mamsell (was soviel wie "Hausdame" bedeutet) eine Anstellung auf einem anderen Gut finden. Oder auf die Gunst ihrer Geschwister hoffen und als alte Jungfer ihr Leben lang bei ihnen wohnen.

 

....und so hält die Mutter schon früh Ausschau nach geeigneten Kandidaten, um ihre älteste Tochter gut zu verheiraten. Stefanie von Fennhusen gibt gerne und oft Gesellschaften und richtet Feste und Jagden aus und hat schon bald ein Auge auf einen bestimmten Kandidaten geworfen: Ax von Stieglitz bewohnt das nächstgelegene Gut Sobotka und ist sehr wohlhabend. Allerdings ist er auch erheblich älter als Frederike und hat ein düsteres Geheimnis. Stefanie weiss davon...und lässt ihre Tochter ins offene Messer laufen.

 

Dominiert wird dieser Roman von den Beschreibungen des alltäglichen Gutslebens, von den jahreszeitlich bedingt anfallenden Arbeiten, von den Gästen, von den Aktivitäten in der Natur, von den Tieren auf dem Gut und davon, dass es viele ineinandergreifende Rädchen braucht, um dieses große Anwesen am Laufen zu halten. Man reitet mit Frederike zunächst auf ihrem Pony Dubs, dann auf ihrem Hengst Lorbass durch die wunderbare Natur Ostpreußens, man trauert mit ihr, als ihr Hund Hector stirbt, man sitzt bei der Köchin Schneider in der Küche und hört sich den neuesten Klatsch und Tratsch an, man geht im nahegelegenen See schwimmen, man versteckt sich zusammen mit Frederike hinter dem großen Sessel in der Halle, um die Gespräche des Stiefvaters im Arbeitszimmer zu belauschen. Kurz: Man ist als Leser auf Fennhusen und nimmt am Gutsleben teil. Und man nimmt gerne teil, denn obwohl der zweite Weltkrieg naht, ist es ein friedlicher Ort, an dem man sehr gerne verweilt.

 

MEIN FAZIT: Mit ihrer wunderbaren Art zu erzählen hat Ulrike Renk mich in eine komplett andere Welt entführt. In eine Welt, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe. 5/5 BÜCHEREULEN

 

P.S. ...und besonders freut es mich, dass es einen zweiten Teil zu dieser Ostpreußen-Saga geben wird!

 

 

 

 

 

 

 

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