(Rezension) Kristin Hannah - Die Nachtigall

 

DIE NACHTIGALL

von KRISTIN HANNAH

 

 

Rütten & Loening Verlag des Aufbau Verlags (www.aufbau-verlag.de)

Erschienen im September 2016

ISBN 978-3-3520-0885-6

 

Format: Gebunden

Preis: 19,99 Euro

Seiten: 608

 

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Karolina Fell

Titel der Originalausgabe: The Nightingale

 

 

- "Wenn ich in meinem langen Leben eines gelernt habe, dann ist es Folgendes: In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind." - Zitat Seite 7

 

"Die Nachtigall" ist eines jener Bücher, die dank großangelegter Werbeaktionen sehr bekannt und viel gelesen sind. Oft jedoch hält gerade in der Buchbranche die Werbung absolut nicht, was sie verspricht und lässt am Ende einen enttäuschten Leser zurück. Ungeachtet der Tatsache, dass dieser Roman bereits seit über einem Jahr in den Top 20 der New York Times - Bestsellerliste platziert ist und in über 30 Ländern erscheint: Sollte man ihn lesen? Verpasst man etwas, wenn man ihn nicht liest? - Dazu kann ich nur aus voller Kehle "Ja!" und "Ja!" schreien! Dieses Buch verzaubert, erschüttert, wühlt auf und geht zu Herzen. Und es packt. Umklammert den Leser und gibt ihn erst nach der letzten Seite wieder frei. 608 Seiten, durch die man geradezu fliegt, von denen man nicht möchte, dass sie jemals zuende sind. Von denen man sich aber dann doch schweren Herzens verabschiedet. Ergriffen und mit einem dicken Kloß im Hals.

 

"Die Nachtigall" ist die Geschichte zweier Schwestern in Frankreich zu Zeiten des zweiten Weltkrieges. Ein Thema, zu dem wir sicherlich schon viele Romane und auch sehr gute Romane gelesen haben. Was macht diesen nun so besonders? - Ganz einfach: Es ist die Sprache der Autorin, die uns vom ersten Satz, den Ihr zu Anfang der Rezension lesen könnt, mitreisst. Die mal blumig und poetisch und mal grausam, knapp und aufs Wesentliche beschränkt ist. Die uns in jeder Szene mitfiebern lässt und uns nicht selten eiskalt erwischt. Die manchmal nur aus einem Wort in einem Satz besteht und uns dennoch wie ein Fausthieb trifft: "Deutsche."

Und es sind die Charaktere, denen Kristin Hannah ein solches Leben einhaucht, dass man mit ihnen das Grauen der deutschen Besatzung in Frankreich erlebt. Dass man mit ihnen fühlt, weint, liebt und lacht. Mit ihnen stundenlang für Essen ansteht und dann doch hungert, mit ihnen in nächtelangen Märschen über die Pyrenäen flieht und sich mit ihnen in Todesgefahr begibt. Sich gemeinsam mit ihnen versteckt und zusammen mit ihnen in Konzentrationslager deportiert wird. Tag für Tag, Seite für Seite.

 

Die Autorin polarisiert jedoch nicht, denn nicht alle Deutschen sind in ihrem Roman schlecht und nicht alle Franzosen sind gut. Eines jedoch haben alle Figuren gemeinsam: Sie versuchen, den Krieg zu überleben. Irgendwie.

Die beiden Schwestern Vianne und Isabelle machen das auf gänzlich gegensätzliche Art und Weise: Während Vianne um ihren Mann Antoine, der zum Kriegsdienst eingezogen wurde, bangt, hält sie zuhause die Stellung und versucht, möglichst wenig aufzufallen. Um ihrer kleinen Tochter willen gibt sie sich demütig und unterwürfig den deutschen Besatzern gegenüber. Als Hauptmann Beck sich ungefragt bei ihr einquartiert - ihr Haus liegt so günstig in der Nähe des Flugplatzes - ist sie völlig überrumpelt und schleicht von da an nur noch auf Zehenspitzen durchs Leben.

Isabelle hingegen ist ein Ausbund an Lebendigkeit, Aufmüpfigkeit und Widerwillen. Sie hasst die Deutschen und sagt ihnen das auch direkt vor den Kopf. Sie ist der Meinung, dass sie nichts mehr verlieren kann, da sie schon alles verloren hat: Ihre Familie, die sie nach und nach im Stich liess. Die Mutter, die starb, der Vater, der sich seiner Töchter entledigte, indem er sie in ein Pensionat gab und Vianne, die früh heiratete und ihre Schwester darüber vergaß. Isabelles ungestümes Wesen und ihre große Klappe haben dazu geführt, dass sie schon von mehreren Mädchenpensionaten geflogen ist und bringen sie auch während des Krieges mehr und mehr in Schwierigkeiten. Isabelle ist jedoch eine Kämpferin und will vor allem eins: Etwas gegen die Deutschen bewirken. Ihnen ein Schnippchen schlagen. Töten, wenn es sein muss. Und so kommt es wie es kommen muss. Isabelle schließt sich der Résistance an und operiert fortan unter falschem Namen.

 

Die Autorin schreibt in ihrem Nachwort, dass sie während ihrer Recherchen auf die Geschichte einer jungen Frau stiess, die während der deutschen Besatzung eine Fluchtroute über die Pyrenäen fand und auf diese Weise vielen abgestürzten englischen Piloten das Leben rettete - Isabelles Geschichte. Sie fand jedoch auch etliche andere Berichte über Frauen, die ihr Leben riskierten, indem sie die versteckten, die vernichtet werden sollten, die jüdische Kinder aufnahmen und als eigene ausgaben, die unter den Augen der Nazis Papiere fälschten und somit viele Leben retteten - Viannes Geschichte, die Geschichte des Vaters der beiden, die Geschichte der Nachbarin, der Bäckerin, die Geschichte vieler Franzosen. Hier sind sie alle vereint und machen uns auf traurige und eindringliche Weise die Grauen des Krieges ein weiteres mal deutlich.

 

Kristin Hannah hat diesen Menschen mit ihrem Roman ein großartiges Denkmal gesetzt. MEIN FAZIT kann hier nicht anders lauten als 5/5 BÜCHEREULEN!

 

 

 

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