(Rezension) Karen Duve - Macht

 

MACHT
von KAREN DUVE


Galiani Berlin Verlag des Kiepenheuer & Witsch Verlags (www.galiani.de)
Erschienen im Februar 2016
ISBN 978-3-86971-008-2

Format: Gebunden
Preis: 21,99 Euro
Seiten: 416



 

So völlig absurd! Surreal! Abstrus! Und vor allem eins: Absolut erschreckend!
Karen Duve zeichnet mit "Macht" eine nahe Zukunftsvision, die sich wirklich keiner wünschen kann, die aber leider in manchen Punkten gar nicht so weit hergeholt ist.

Hamburg 2031: Die Welt, wie wir sie heute kennen, hat sich rasant und unaufhaltsam weiterentwickelt. Fast ausnahmslos zum Schlechten. Da ist zum einen das Wetter - die Klimaerwärmung hat im Laufe der Jahre ganze Arbeit geleistet und die Menschen kommen um vor Hitze. 36 Grad durchgängig ab April sind normal. Das begünstigt das Wachstum des "Killer-Raps", der überall Wurzeln schlägt und dreimal im Jahr blüht. Diese Pflanze wiederum zieht Milliarden kleiner Raps-Käfer an, die sich auch gerne mal gemeinschaftlich auf Menschenfleisch niederlassen.

Die Natur schlägt also zurück, aber der Mensch ist nach wie vor ignorant und nur mit seinem eigenen Kram beschäftigt. Eine ständige Verbesserung in sämtlichen Belangen muss her und was kümmert es da die Einwohner von Hamburg, ob irgendwo auf der Welt eine Überschwemmumg nach der anderen kommt oder tausende Flüchtlinge an der ungarischen Mauer sterben? Oder an der italienischen? Oder an der türkischen? "Jeder für sich" lautet die Devise, könnte man meinen, denn zuallererst ist jeder mit sich selbst beschäftigt. "Ephebo" ist der Grund hierfür, eine Verjüngungspille mit drastischen Folgen. Regelmässig und in hohen Dosen eingenommen werden 70jährige Greise wieder zu 20jährigen Jünglingen - unnötig zu erwähnen, dass es so ziemlich jeder, der sich diese Pille leisten kann, mit der Einnahme völlig übertreibt. Dass Ephebo sehr wahrscheinlich krebsauslösend ist, interessiert insofern nicht, da man der Erde sowieso nur noch ein paar Jahre bis zum völligen Kollaps gibt. Wenn schon sterben, dann wenigstens gut aussehen dabei!

Das allergrößte Problem, die Wurzel allen Übels, sind jedoch die Frauen! Die haben es weltweit an die Spitze geschafft, haben die Männer aus den Machtpositionen gedrängt und geben das Kommando an. Und die Männer? Die rebellieren. Entweder öffentlich oder im Stillen.

So wie unser Antiheld Sebastian. Ich muss dazu sagen, dass Antihelden in den meisten Fällen ja recht sympathisch und geradezu rührend sind ..... Sebastian ist es nicht. Ein Kotzbrocken von der ersten Seite an, der mit den schlimmsten Minderwertigkeitskomplexen überhaupt ausgestattet ist. Seine Frau Christine bekleidete ein hohes Amt in der Politik und galt als Kanzlerkandidatin. Dann plötzlich verschwand sie spurlos und man ging von einer Entführung aus. Zweieinhalb Jahre ist das mittlerweile her und über ihren Verbleib ist öffentlich nichts bekannt. Sebastian weiss allerdings sehr wohl, wo sie ist: In einem Verlies in seinem Keller, das er eigens ausgebaut hat, muss sie ihm angekettet seine Lieblingskekse backen und sexuell zu Willen sein.

- "Zivilisation lässt sich nur aufrecht erhalten, wenn jeder Mann, und sei er noch so dumm, arm und unfähig, eine Frau zugeteilt bekommt, der er sagen kann, was sie zu tun hat. Ansonsten: Gewalt und Chaos." - Zitat Seite 400

Sebastian ist ein ganz spezieller Fall, der sich selber sein Verhalten immer wieder schönredet. Er hat Angst vor seiner Frau und überhaupt vor ihm überlegenen Menschen, das ist mehr als auffällig. Trotzdem hält er gnadenlos an dem Schwachsinn fest, dass die Frau dem Mann bedingungslos untertan sein muss. Dass er sich bei seiner eigenen Frau nur durchsetzen kann, wenn sie eingesperrt und festgekettet ist, ärgert ihn selbst vermutlich am meisten.
Andererseits ist er ein Nostalgiker und man wird das Gefühl nicht los, dass er in der falschen Zeit lebt. Nach dem Tod der Eltern hat er deren Haus in einem Hamburger Vorort übernommen und arbeitet akribisch daran, alles wieder genauso einzurichten, wie es zu seiner Kindheit in den 1970er Jahren war. Der ganze neumodische technische Schnickschnack geht ihm auf die Nerven, weshalb er alle Gerätschaften abmeldet und das alte Wählscheiben-Telefon wieder anschliesst.
Und irgendwo tief drinnen hat auch Sebastian ein Herz, denn als er beim Klassentreffen seine große Jugendliebe Elli wiedertrifft, ist es um ihn geschehen. Er will sein komplettes Leben umkrempeln und neu anfangen - aber wie wird er nun Christine los?

Karen Duve hält uns mit diesem Roman den - sehr übertriebenen - gesellschaftlichen Spiegel vor die Nase. Sie zeichnet eine Welt, in der die wenigen Guten gegen Windmühlen kämpfen, in der jeder sich selbst der Nächste ist und in der Macht unberechenbar macht. In der Gleichgültigkeit und Selbstfixiertheit zur Normalität gehören. Dieser Roman macht nachdenklich und hallt lange nach. Gleichzeitig jedoch ist er sehr mitreissend geschrieben und vermag es, den Leser zwar permanent ungläubig mit dem Kopf schütteln zu lassen, jedoch auch an die Seiten zu fesseln.

MEIN FAZIT lautet hier: 4/5 BÜCHEREULEN.


 

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