(Rezension) Julia Zange - Realitätsgewitter

 

REALITÄTSGEWITTER

von JULIA ZANGE

 

Aufbau Verlag (www.aufbau-verlag.de)

Erschienen im November 2016

ISBN 978-3-351-03658-4

 

Format: Gebunden

Preis: 17,95 Euro

Seiten: 157

 

 

 

 

 

Die Autorin präsentiert uns in "Realitätsgewitter" eine Protagonistin, die es so oder so ähnlich vermutlich tausendmal auf der Welt gibt, die Anfang 20 ist und keine Perspektive im Leben hat. Deren Tage und vor allem Nächte aus Feiern, Saufen, Drogen konsumieren und Social Networking bestehen. Die einen riesengroßen virtuellen Freundeskreis hat, im wahren Leben jedoch einsam ist. Die diese Einsamkeit zu überwinden versucht, indem sie mit fast jedem Typen in die Kiste hüpft. Die selbstverständlich nicht arbeitet, sich überall durchschnorrt und sich wahnsinnig hip und trendy vorkommt.

 

Marla heißt unsere Anti-Heldin und sie hat mich von der ersten bis zur letzten Seite regelrecht -sorry- angekotzt.

 

Aus der Provinz kommend zieht es Marla zum Studium ins angesagte Berlin. Denn hier wohnen die tollsten und wichtigsten Leute, hier gibt es die besten Szene-Locations und überhaupt ist Berlin total cool. Unnötig zu erwähnen, dass das geplante Studium bald schon zugunsten unzähliger durchgefeierter Nächte auf der Strecke bleibt. Was aber nicht schlimm ist, denn die monatlichen elterlichen Zahlungen treffen ja pünktlich ein, damit kann man es sich also gutgehen lassen. Und wenn die Kohle doch knapp wird, weil am Ende des Geldes noch soviel Monat übrig ist, tja, dann ist man sich auch nicht zu schade, sich bei sämtlichen Bekannten durchzuschnorren.

 

Die Bekannten....das ist auch so ein Thema für sich. Man kennt sich, jedoch allenfalls flüchtig. Wichtig ist es scheinbar für diese Generation nur, mit möglichst vielen Leuten auf Facebook, Instagram, Twitter und Co. vernetzt zu sein. Und so wird auch bei jeder Gelegenheit ein gemeinsames Selfie geknipst und zusammen mit den wichtigsten Hashtags online gestellt. Im ganzen Roman wird jedoch nicht ein vernünftiges Gespräch geführt und nicht einer dieser sogenannten "Freunde" weiss, wie es dem anderen geht.

 

Ist das unsere heutige Zeit? Muss man von Event zu Event, von angesagter Location zu angesagter Location rasen, um dabei gewesen zu sein, um Fotos ins Netz stellen zu können, um "in" zu sein? Wer soll da noch hinterherkommen?

 

Marla jedenfalls kommt nicht mehr hinterher, ist jedoch zu dumm, um das zu begreifen. Sie ist alles andere als glücklich, denkt darüber aber gar nicht nach, denn hey, sie wohnt in Berlin. Dann ist doch alles super! Oder?

 

Nichts ist super. Denn wenn man schon so verzweifelt versucht, seine Einsamkeit zu vertuschen, indem man sich den Männern geradezu aufnötigt - tja, dann muss wohl einiges schiefgelaufen sein im Leben. Und zwar gewaltig.

 

Was das sein könnte, davon bekommt der Leser eine böse Ahnung, als der elterliche Geldstrom versiegt ("Du bist alt genug, um arbeiten zu gehen.") und Marla wohl oder übel für ein klärendes Gespräch die Heimreise in die Provinz antreten muss. Hier ticken die Uhren anders und den Leser umgibt eine fast schon angenehme Ruhe .... bis Marlas Eltern auf den Plan treten. Und plötzlich weiß man, warum Marla so ist, warum sie so ziellos durch ihr Leben driftet. Denn solche Eltern wünscht man wirklich keinem.

 

Und trotzdem möchte man Marla am liebsten packen und durchschütteln, damit sie endlich aufwacht, ihrer Mischpoke in den Allerwertesten tritt und ihr Leben in die Hand nimmt. ....und vielleicht tut sie das am Ende ja auch.....

 

Vermutlich denkt Ihr jetzt, ich fand diesen Roman fürchterlich? - Irrtum! Ich fand ihn großartig! Er ist in einem so mitreissenden und packenden Stil verfasst, mit englischen Einsprengseln, die das multikulturelle Leben in Berlin perfekt wiedergeben, mit einem solchen Zynismus, der die "Generation Smartphone" übertrieben aber sehr bildlich darstellt, dass man diese leider nur 157 Seiten in einem Rutsch durchliest. MEIN FAZIT lautet hier: 4/5 BÜCHEREULEN

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Itinera Magica (Dienstag, 06 Dezember 2016 09:44)

    Ich entecke mit Neugierde deinen Blog und sieh! deutsche Bücher! Das Herz der literaturbegeisterten Deutschlehrerin blüht auf. Ich freue mich über die Entdeckung! Dieses eine Buch zieht mich nicht ganz besonders an, aber... ich finde bei Dir bestimmt meinen nächsten Papierschatz!