(Rezension) Bret Anthony Johnston - Justins Heimkehr

 

JUSTINS HEIMKEHR
von BRET ANTHONY JOHNSTON


C. H. Beck Verlag (www.chbeck.de)
Erschienen im Juli 2016
ISBN 978-3-406-69742-5

Format: Gebunden
Preis: 21,95 Euro
Seiten: 420


 

 

Aus dem Englischen von Sylvia Spatz
Titel der Originalausgabe: Remember me like this




"Justins Heimkehr" setzt dort ein, wo andere Kriminalromane aufhören: Bei der Rückkehr des Entführungsopfers in den Schoß seiner Familie. Der Autor präsentiert uns Lesern die komplette Gefühlspalette darüber, wie eine Entführung, permanente Ungewissheit, Verzweiflung, Wut, Ohnmacht und schließlich Resignation ein intaktes Familiengefüge komplett zerstören können.

Ein Krimi oder Thriller ist dieses Buch nicht, sehr wohl aber ein Drama - von der ersten bis zur letzten Seite: Justin verschwindet im Alter von zwölf Jahren spurlos und es gibt keinerlei Anhaltspunkte darüber, was mit ihm geschehen ist. Seine Eltern Laura und Eric und sein Großvater Cecil, allesamt wohnhaft in Corpus Christi, im Süden der USA kurz vor der mexikanischen Grenze, organisieren einen Suchtrupp nach dem nächsten. Hängen überall Handzettel aus und fahren nächtelang durch die Gegend, um ihren Jungen zu finden. Erfolglos. Davon, ihn für tot erklären zu lassen, wollen sie auch Jahre nach seinem Verschwinden nichts wissen. Sie geben die Hoffnung nicht auf, dafür aber sich selber Stück für Stück.

Und dann geschieht das, was keiner mehr für möglich gehalten hätte: Justin wird gefunden und es stellt sich heraus, dass er entführt wurde, sich aber die ganzen vier Jahre über sehr nah bei seinen Eltern aufgehalten hat. Der Entführer kommt in Untersuchungshaft und Justin zurück zu seiner Familie. Und das Drama beginnt....

- "Das Leben fühlte sich wieder - wie an? Normal nicht. Auch nicht vertraut. Aber lebbar. Erträglich. Wenn sie sich bemühte, wenn sie geduldig und selbstlos blieb, würde es ihr mit der Zeit vielleicht wieder so etwas wie vertraut werden." - Zitat Seite 205

Allesamt machen sie sich nun etwas vor. Dass man langsam wieder zur Normalität zurückfinden würde, dass die Familie mit der Zeit wieder intakt sein würde, dass Justin irgendwann wieder ein normales Leben führen könnte. Dennoch begehen sie den großen Fehler, nicht miteinander zu reden, quasi auf Zehenspitzen umeinander herumzuschleichen.
Griff, Justins jüngerer Bruder, der sich eigentlich schon mit dem Status "Einzelkind" abgefunden hatte, hat wohl am meisten unter der Situation zu leiden und verschwindet immer öfter mit seinem Skateboard, um Zuflucht in der Einsamkeit zu suchen.
Lauras Gefühlsleben als Mutter wird der Autor nicht müde, immer und immer wieder herunterzubeten, was sie für mich zu einer eher nervigen Protagonistin macht. Interessant hingegen ist ihre Arbeit als Freiwillige im Sea Lab, wo sie sich um einen kranken Delfin kümmert. Man bemerkt als Leser sofort die Parallelen zwischen Laura und dem Tier, denn so wie es dem Delfin geht, so geht es auch Laura.
Eric und Cecil wirken auf mich beide rastlos, hilflos und mit der Situation überfordert.
Und Justin? - Als Hauptprotagonist bleibt er völlig im Schatten. Man erfährt absolut nichts über sein Seelenleben, seine Gedanken oder seine Ängste. Er benimmt sich wie ein Fremder, redet kaum, ist verschlossen aber höflich. Auch über die Zeit seiner Gefangenschaft kann man als Leser nur Vermutungen anstellen. Es wird zwar hier und da was eingestreut, das sind aber wiederum Vermutungen anderer Protagonisten.
Über den Entführer erfährt man ebenfalls nichts, wohl aber über dessen Eltern.

Man könnte also sagen, dass hier jeder sein eigenes Süppchen kocht. Und wir wissen ja: Viele Köche verderben den Brei. So ist es leider auch bei diesem Buch. Der Schreibstil ist absolut angenehm zu lesen und nimmt auch ab der Hälfte deutlich an Spannung auf, trotzdem hätten es gerne 100 Seiten weniger sein können.
Was mir das Buch sehr vermiest hat, sind die vielen Fragen, die am Ende offen bleiben. Zu viele Fragen!

Aus psychologischer Sicht ist "Justins Heimkehr" dennoch ein solider Roman, in dem ich viele Verhaltensweisen nachvollziehen kann. MEIN FAZIT lautet hier: 3/5 BÜCHEREULEN.

 

 

 

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