(Rezension) Martin Usborne - Where Hunting Dogs rest

 

WHERE HUNTING DOGS REST
von MARTIN USBORNE


Kehrer Verlag (www.kehrerverlag.com)
Erschienen im September 2015
ISBN 978-3-86828-595-6
Format: Gebunden
Preis: 39,90 Euro
Seiten: 108



 

 

Häufig werde ich, wenn ich mit unseren Hunden spazieren gehe, auf unsere Spanische Windhündin angesprochen. Viele Leute sind fasziniert von ihrer Eleganz und Grazilität und glauben, dass dieser Hund ein ganz edler ist und daher eine Menge Geld gekostet haben muss. Wenn ich diese Leute dann über den Lebensweg unserer Hündin und den ihrer spanischen Artgenossen aufkläre, sehe ich in der Regel fassungslose und ungläubige Gesichter vor mir. Und die Frage: Was sind das für Menschen, die so mit Tieren, mit ihren treuen Hunden umgehen?

Diese Frage hat sich auch der Fotograf Martin Usborne gestellt und diesen wunderbaren Hunden mit seinem Bildband "Where Hunting Dogs rest" ein Denkmal gesetzt. Genauso edel wie die Windhunde kommt dieses in Leinen gebundene Buch mit goldgeprägten Buchstaben daher, mit aussagekräftigen Fotos, die nachhallen und zum Denken und Handeln anregen.

Denn die Situation der Windhunde in Spanien ist an Grausamkeit nicht zu überbieten: Während der Jagdsaison, die von Oktober bis Anfang Februar dauert, werden vornehmlich Galgos (so heißen die Windhunde in Spanien) gebraucht, um im freien Feld Jagd auf Hasen zu machen. Galgos sind wie Geparden Kurzstreckensprinter und können hierbei enorme Geschwindigkeiten erreichen. Außerdem sind sie dank ihres grazilen Körperbaus genauso wendig wie ein Hase und daher sehr erfolgreiche Jäger.
Ums Überleben dank Hasenfleisch geht es ihren Herren, den Galgueros, allerdings schon lange nicht mehr. Ruhm und Ehre muss ein Hund seinem Besitzer einbringen. Und Geld. Denn natürlich wird gewettet, wenn immer zwei Galgos zeitgleich auf einen Hasen gehetzt werden. Der Hund soll eine saubere Hatz zeigen und den Hasen direkt verfolgen, um eine möglichst gute Bewertung zu bekommen. Kürzt er ab, weil er den Lauf des Hasen vorausahnt und somit schneller an seine Beute gelangen will, würden wir ihm Klugheit bescheinigen - in Spanien bekommt er jedoch den Stempel "dreckig" aufgedrückt und ist somit unbrauchbar für die Jagd und für die Zucht. Dreckige Galgos werden meistens schon während der Jagdsaison auf grausame Art und Weise entsorgt. Ihnen folgen zum Ende der Saison jährlich schätzungsweise 50.000 ihrer Artgenossen.

50.000 Hunde, die von den Galgueros als Gebrauchsgegenstand und nicht als fühlendes Wesen angesehen werden. 50.000 Hunde, die ab Anfang Februar unnütze Fresser sind. 50.000 Hunde, die kaum älter als drei Jahre sind und in ihrem Leben wahrscheinlich nie menschliche Zuwendung oder eine streichelnde Hand kennengelernt haben. 50.000 Hunde, die erschlagen, ertränkt, verbrannt, mit gebrochenen Knochen in der Wildnis ausgesetzt werden, in Ruinen zum Verhungern und Verdursten angebunden und ihrem Schicksal überlassen oder in Brunnenschächte geworfen werden. Die, die es am allerschlimmsten trifft, werden zu sogenannten "Klavierspielern". Das bedeutet, dass sie an einem Baum aufgehängt werden, jedoch nur so hoch, dass die Hinterpfoten gerade eben noch den Boden berühren. Die Hunde tänzeln nun verzweifelt hin und her, um Halt zu finden - wie die Hände eines Pianisten auf der Klaviertastatur. Dieser Todeskampf kann Stunden dauern und am Ende ist der Hund immer der Verlierer. Diejenigen, mit denen das Schicksal es gut meint, werden in Tötungsstationen abgegeben und mit viel Glück dort vom Tierschutz freigekauft. Ihre Zukunft ist dann ein Platz in einem spanischen Tierheim und vielleicht später eine eigene Familie, von der sie adoptiert werden. Menschen, die diese sensiblen Tiere zu schätzen wissen und ihnen endlich ein glückliches Hundeleben bereiten.

 

Denn ein Hundeleben wie hierzulande, das kennen die spanischen Galgos nicht. Martin Usborne hat in seinem Bildband jene Hunde fotografiert, die es bis in ein Tierheim geschafft haben. Hunde, die die Welt nicht mehr verstehen, die aus ihrem gewohnten Leben herausgerissen wurden und nun völlig verängstigt sind. Die nicht wissen, dass ihnen nun eine schöne Zukunft bevorsteht, eben weil sie nur dieses eine Leben kennen und keine Ahnung haben, dass es auch viel schöner sein kann.

 

Es gab einmal eine Zeit in Spanien, in der die Galgos hoch angesehen und dem Adel vorbehalten waren. In der sie tagsüber mit ihren Herren jagten und sich abends mit der Familie im Haus aufhielten. Das ist jedoch leider lange her. Im 17. Jahrhundert schätzte man diese Hunde sehr und der spanische Maler Velasquez porträitierte sie oft auf seinen Bildern.

 

Martin Usborne hat mit seinen Fotografien das Velasquez-Thema aufgegriffen, denn seine Bilder sehen aus wie zu Velasquez` Zeiten. Es sind sehr aussagekräftige Bilder, die uns verzweifelte, gebrochene, traumatisierte und resignierte Hunde zeigen. Hunde voller seelischer und körperlicher Narben, die aber dennoch nichts von ihrem Stolz und ihrer Schönheit eingebüsst haben. Auf der anderen Seite gibt es in diesem Buch Landschaftsaufnahmen. Auf den ersten Blick sehr stimmungsvoll - wenn man jedoch weiss, dass einige der Hunde in diesen Gegenden halbtot gefunden wurden, läuft es einem kalt über den Rücken....

 

Martin Usborne wollte keine grausamen Bilder von toten Galgos zeigen, denn davon gibt es genug im Internet (man gebe nur den Suchbegriff "Galgo" bei Google ein und siehe sich die Bilder an....), er wollte zum Nachdenken anregen und vor allem den Hunden ihre Würde zurückgeben. Das ist ihm wunderbar gelungen, denn dieses Buch ist ein einzigartiges Werk über Spaniens vergessene Hunde. Ein wahnsinnig trauriges Thema, das aber dennoch unbedingt publik gemacht werden muss, denn diese Grausamkeiten in Spanien müssen gestoppt werden!

 

Fotografiert wurde in den Tierheimen Fundacion Benjamin Mehnert in Sevilla und 112 Carlota Galgos in Malaga. Die Mitarbeiter dieser Einrichtungen kämpfen Tag für Tag gegen Windmühlen, wenn immer neue Hunde (gerade zum Ende der Jagdsaison sind es manchmal 80 oder 90 pro Tag) gebracht werden. Ihnen gebührt allerhöchster Respekt, dass sie nie aufgeben sondern allen Hunden helfen. Natürlich sind solche Tierheime auf Spenden angewiesen und wer sich näher über die Einrichtungen informieren möchte, klickt einfach die Namen an.

 

Bleibt abschließend zu sagen, dass dieses Buch ein wichtiges Werk ist. Ein trauriges Thema in einer wunderschönen Verpackung, die es vielleicht ein Stück weit vermag, manchen Menschen die Augen zu öffnen. MEIN FAZIT lautet hier: 5/5 BÜCHEREULEN

 

 

P.S. Am Samstag den 07.05.2016 findet ab 11.00 h am Brandenburger Tor in Berlin ein Protestmarsch statt. Über 500 Galgos sind mit ihren Besitzern angemeldet, um für ihre Brüder und Schwestern in Spanien zu marschieren, um die Menschen auf die Grausamkeiten aufmerksam zu machen, die sich in ihrem liebsten Urlaubsland abspielen und um der spanischen Regierung zu zeigen "Wir haben ein Auge auf euch!" Denn hier müssen dringend härtere Tierschutzgesetze und kontrollierte Zuchtbedingungen eingeführt werden. Näheres zum Galgomarsch findet Ihr auf www.galgovoice.net.

 

 

 

 

 

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