(Rezension) Ines Thorn - Die Walfängerin

 

DIE WALFÄNGERIN
von INES THORN


Rütten & Loenig Verlag der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG (www.aufbau-verlag.de)
Erschienen im März 2016
ISBN 978-3-352-00663-0
Format: broschiert
Preis: 14,99 Euro
Seiten: 368



 

 

Ja, es gibt sie: Diese Bücher, in denen man sich verliert, in denen man in eine völlig andere Welt eintaucht, kurzzeitig in ihr lebt und dann nach der letzten Seite ein wenig traurig und benommen wieder in der Wirklichkeit ankommt. Diese Bücher, die den Leser vom ersten Satz an packen und in die Geschichte hineinziehen, in der man sich (trotz etwaiger widriger Umstände) sofort zuhause fühlt. Solche Bücher sind selten und wenn man eines davon in den Händen hält, kann man sich sehr glücklich schätzen. "Die Walfängerin" ist so ein Buch....

....ein Buch, das mich bereits auf der ersten Seite mit allen meinen Sinnen auf die Insel Sylt katapultiert hat. Nicht auf das heutige, schicke Sylt, sondern auf eine Insel im Jahr 1764, auf der die Armut der Bevölkerung allgegenwärtig war. Auf der man tagein tagaus gegen die Naturgewalten ankämpfen musste und nicht selten alles verlor. Auf der die Frauen im Frühjahr ihre Männer auf die See entließen und immer damit rechnen mussten, im darauffolgenden Herbst Witwe zu sein. Eine unwirtliche Gegend, in der es nicht genug Feuerholz gab und in der kein Obst und Gemüse wuchs. Die Bevölkerung litt Hunger, war krank und mangelernährt und meistens bettelarm.

Doch wie häufig auf der Welt gab es auch 1764 auf Sylt eine Kluft zwischen reich und arm. Die armen Fischer wurden kaum je richtig satt und mussten ihre zugigen und feuchten Hütten mit getrocknetem Schafsmist heizen. Die reichen Kapitäne hingegen lebten in schmucken Häusern und mussten sich um einen leeren Magen oder kalte Füsse keine Gedanken machen.

Kapitän Rune Boys ist der heimliche Herrscher der Insel. Etwa 30jährig, ein angesehenes Ratsmitglied, geachtet und gefürchtet und nach damaligen Maßstäben sehr vermögend. Und ausgerechnet dieser Rune Boys macht am Abend des Biike-Brennens, dem Vorabend des Tages, an dem die Männer der Insel sich aufmachen, um in den großen Häfen eine Heuer für die Sommer- und Herbstmonate zu suchen, der 16jährigen Maren einen Heiratsantrag. Zum Entsetzen ihrer Eltern, für die diese Verbindung das Ende aller finanziellen Sorgen, das Ende des immerwährenden Hungers und der Kälte bedeuten würde, lehnt Maren ab. Denn sie wartet sehnsüchtig auf einen Antrag ihres Freundes Thies und wundert sich allenfalls kurz darüber, dass sie dem angesehenen Rune überhaupt aufgefallen ist.

Maren ist das einzige, späte Kind ihrer Eltern und wird von diesen vergöttert. Und so werden ihr auch keinerlei Vorwürfe gemacht, dass sie diese vorteilhafte Verbindung nicht eingeht. Als jedoch ein Sturm über die Insel wütet und die komplette Existenz von Marens Familie vernichtet, ist es an ihr, bei Rune um Hilfe zu bitten. Und fortan steht sie tief in seiner Schuld und ist ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Denn Rune hat die Abfuhr, die er von ihr bekommen hat, nicht vergessen. Er ist kein Unmensch und leiht ihrer Familie Geld, fordert aber einen hohen Preis dafür: Maren soll ihre Schuld als Küchenmädchen auf seinem Walfangschiff abarbeiten.

War der erste Teil des Buches, der sich komplett auf Sylt ereignete, schon sehr bildlich und atmosphärisch beschrieben, wähnt man sich nun bald bei stürmischer See auf einem Walfangschiff und meint, den Boden unter den Füßen schwanken zu spüren. Hier herrschen verdammt raue Sitten und keiner denkt daran, auf Maren Rücksicht zu nehmen. Wir haben es bald mit einer Protagonistin zu tun, die sich fast selbst aufgibt. War sie zu Anfang noch stur und dickköpfig, ist sie kurze Zeit später am Ende ihrer Kräfte.

 

Dieses Buch ist stürmisch, düster, spannend, historisch, dramatisch, gehässig, liebevoll und atmosphärisch. Leider auch ein bisschen kitschig, trotzdem habe ich es fast in einem Rutsch durchgelesen, denn es hat alles das, was ich von einem guten Buch erwarte, welches ich kaum aus der Hand legen kann und bei dessen Lektüre ich alles um mich herum vergesse.

 

MEIN FAZIT lautet hier: 4,5/5 BÜCHEREULEN

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0