(Rezension) Jenna Blum - Die uns lieben

DIE UNS LIEBEN
von JENNA BLUM


Aufbau Verlag (www.aufbau-verlag.de)
Erschienen im Februar 2015
ISBN 978-3-351-03588-4
Format: gebunden
Preis: 19,95 Euro
Seiten: 518

Aus dem Amerikanischen von Yasemin Dinçer
Titel der Originalausgabe: Those who save us



"Die Beerdigung ist gut besucht, und die lutherische Kirche von New Heidelberg ist bis auf die letzte Reihe gefüllt mit Farmern und deren Familien, die gekommen sind, um von einem der ihren Abschied zu nehmen." - Mit diesem Satz beginnt eine Geschichte über Schuld und Trauer, über Ungewissheit und Vergessen, über schreckliche Erinnerungen und den unbedingten Willen, überleben zu wollen. Ebenso ist es aber auch eine Geschichte über einen Mutter-Tochter-Konflikt, über Ungesagtes, Unverstandenes und Unerklärtes.

Zugegeben, zu Anfang hat es mir Jenna Blum mit "Die uns lieben" nicht leicht gemacht. Die Handlung kommt nur schwer in Fahrt und der eigenwillige Erzählstil der Autorin, die in der Gegenwartsform schreibt und Unterhaltungen zwischen den Protagonisten mit keinerlei Satzzeichen einleitet, sagte mir zunächst überhaupt gar nicht zu.
Von der ersten Seite an hat die Autorin es allerdings auch geschafft, solch eine Schwermut über dieses Buch zu legen, dass man beim Lesen fast ständig fröstelt und nicht überrascht wäre, würde man aus dem Fenster plötzlich in allerdichtestes Schneetreiben schauen.

Dieser Roman besteht aus zwei Handlungssträngen: Zum einen befinden wir uns Ende der 90er Jahre in New Heidelberg, Minnesota und erleben gemeinsam mit Trudy Swenson und ihrer Mutter Anna die Beerdigung des Vaters und Ehemannes Jack. Schnell stellt sich heraus, dass Trudy und Anna kein allzu herzliches Verhältnis zueinander haben und dass Anna, die schon über 70 ist, offensichtlich auch von den Ortsansässigen gemieden wird. Trudy, die etwa Mitte 50 ist, ist eine Einzelgängerin, hat keinen Partner und ist als Doktor für die Geschichte des dritten Reiches an der Universität angestellt. Sie interessiert sich sehr für ihre Vergangenheit, wurde sie doch zu Beginn des zweiten Weltkrieges in Weimar geboren und verbrachte dort auch ihre Kindheit. Sie weiß nicht wer ihr leiblicher Vater ist, allerdings gibt es da dieses Foto, das Anna seit eh und je in der Sockenschublade versteckt und auf dem sie mit ihre Tochter und einem Obersturmführer aus dem KZ Buchenwald zu sehen ist. Sämtliche Versuche Trudys, bei Anna mehr über ihre Vergangenheit zu erfahren, scheitern. Sobald das Gespräch auf dieses Thema kommt, errichtet Anna eine Mauer des Schweigens um sich herum.

Im zweiten Handlungsstrang befinden wir uns zu Beginn des zweiten Weltkrieges mit der jungen Anna in Weimar. Anna hat seit dem Tod ihrer Mutter sehr unter dem herrischen Vater zu leiden, der sie als Dienstmädchen sieht und sie unbedingt mit einer Nazi-Größe verheiraten will.
Und spätestens hier entwickelte der Roman für mich einen Sog, dem ich mich nicht mehr entziehen konnte. Die Beschreibung der jungen Anna, die sich in den Juden Max verliebt und diesen sogar unter dem Dach des Vaters versteckt, ist sehr ergreifend und wird immer dramatischer. Natürlich fliegen die beiden auf und natürlich wird das Leben für Anna daraufhin schlimmer, grausamer und entbehrungsreicher.

Einerseits haben wir da also die in die Jahre gekommene Anna, die keine besonders sympathische Figur abgibt, die verkniffen und verhärmt ist und ganz offensichtlich keine sozialen Kontakte pflegt und ihre Tochter einfach im Ungewissen lässt. - Andererseits ist da aber auch die junge Anna, die zunächst voller Leben und voller Träume ist, allerdings sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird, die ihr Leben riskiert, um anderen zu helfen und die schlimmste Qualen erduldet, um ihre kleine Tochter Trudy zu schützen.
Der Leser weiß von Anfang an mehr als Trudy und kann Anna einerseits verstehen, würde ihr aber auch andererseits gerne einen Schubs geben, damit sie ihrer Tochter endlich alles erzählt.

 

Annas Geschichte während des Krieges steht mit Sicherheit hier im Vordergrund des Romans und der Leser kommt nicht umhin, sich zu fragen "Wie hätte ich reagiert? Wäre ich ein Held gewesen oder hätte ich den Kopf in den Sand gesteckt und irgendwie versucht, zu überleben? Darf man die verurteilen, die weggeschaut haben? Hätte ich selber mein Leben riskiert?"
Viele Fragen, auf die man sich keine Antwort geben kann, da man zum Glück nie in Annas Situation war.
Doch auch der Mutter-Tochter-Konflikt wird in "Die uns lieben" sehr schön herausgearbeitet. Leise und unaufdringlich, aber konstant fortschreitend.

Dieser Roman weist in meinen Augen mit Sicherheit die ein oder andere kleine Schwäche auf (z. B. das in meinen Augen doch sehr an den Haaren herbeigezogene Ende), trotzdem bin ich nach kleinen Startschwierigkeiten sehr gut unterhalten worden. Daher lautet MEIN FAZIT: 4/5 BÜCHEREULEN


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