(Rezension) Philip Kerr - Winterpferde

WINTERPFERDE
von PHILIP KERR


Rowohlt Taschenbuch Verlag (www.rowohlt.de)
Erschienen im September 2015
ISBN 978-3-499-21715-9
Format: gebunden
Preis: 16,99 Euro
Seiten: 288

Aus dem Englischen von Christiane Steen
Titel der Originalausgabe: The Winter Horses



- "Gott", schnaubte Kalinka, sodass der Hengst sich umdrehte und sie erstaunt ansah. "Wenn Gott auf der Erde leben würde, würden die Leute ihm die Fenster einwerfen. Ganz sicher." - Zitat Seite 63

Kalinka, ein jüdisches Mädchen, hat allen Grund, an einem Gott zu zweifeln: Wir befinden uns im eisigen Winter 1941 in der Ukraine im Naturreservat Askania-Nowa, das das reinste Tierparadies ist - bis die Nazis es in Beschlag nehmen und aufgrund der Lebensmittelknappheit ein Tier nach dem anderen töten und verspeisen.

Die Angestellten von Askania-Nova sind schon längst geflohen, nur Max, der alte Tierpfleger, und sein russischer Windhund Taras halten noch die Stellung. Max bekam von seinem Vorgesetzten den Auftrag, sämtliche Tiere des Reservats zu töten, damit sie den Deutschen nicht in die Hände fallen. Diesen Auftrag führte er jedoch nicht aus, da es schließlich ein Deutscher war, der Askania-Nowa gründete und Max somit an das Gute in den Soldaten, die bald kommen werden, glaubt.
Leider hat er sich getäuscht, denn Befehlshaber Grenzmann hat es besonders auf die Przewalski Pferde abgesehen, jener Wildpferde, die es schon seit Urzeiten gibt und deren kleine Herde auf Askania-Nowa Max besonders am Herzen liegt. Diese Wildpferde werden von den Deutschen als minderwertig angesehen und sollen daher vernichtet werden.
Als die Herde zusammengetrieben und ein Blutbad angerichtet wird, können jedoch zwei der Pferde, ein Hengst und eine Stute, entkommen und es besteht guter Grund zu der Annahme, dass sie die letzten ihrer Art sind.

Zeitgleich versteckt sich die junge Jüdin Kalinka im Naturreservat. Ihre komplette Familie wurde von den Nazis getötet und Kalinka versucht zwar irgendwie zu überleben, sieht darin aber im Grunde gar keinen rechten Sinn.
Sie trifft auf die beiden entkommenen Wildpferde und freundet sich mit ihnen an.....

Ich muss dazu sagen, dass es sich bei "Winterpferde" um einen Abenteuerroman für Jugendliche handelt. Der Schreibstil ist klar und gut verständlich und die Grauen des Zweiten Weltkrieges sind zwar beschrieben, aber nicht zu brutal.
Im Vordergrund steht ganz klar die Geschichte um Kalinka und die beiden Pferde.

Die Stute ist nach dem Massaker der Deutschen verletzt und somit klopft Kalinka an Max' Hütte, um um Hilfe zu bitten. Der staunt nicht schlecht, dass die Pferde sich bei dem Mädchen wie zahme Schoßhunde benehmen und verhilft ihnen zur Flucht, als sie fast von den Soldaten erwischt werden. Kalinka bekommt Max' Windhund Taras als Verstärkung mit, als sie mit den Pferden über die ukrainische Steppe in Richtung der russischen Truppen flieht. Doch dummerweise liegt Schnee, was es den Deutschen einfach macht, der Spur der vier Flüchtenden zu folgen....

Bis hierhin hat mir der Roman wirklich gut gefallen, denn es ist eine spannende und abenteuerliche Geschichte und für diese kalte Jahreszeit genau richtig.
Im weiteren Verlauf haben mich jedoch einige Sachen gestört:

Kalinka ist mir zu vernünftig, zu abgeklärt, zu höflich, zu emotionslos und zu allwissend für ein 15jähriges Mädchen, das in der eisigen ukrainischen Steppe allein ums Überleben kämpft und deren komplette Familie von den Nazis ermordet wurde.
- "Oh, du meine Güte", sagte sie. "Die Flugzeuge haben die Brücke getroffen. Wir waren gerade noch darauf. Wir hätten alle tot sein können." - Zitat Seite 243
Reagiert man so, wenn man um Haaresbreite dem sicheren Tod entkommen ist? Wohl kaum....

 

Die Pferde und der Hund werden im Laufe der Geschichte immer mehr vermenschlicht bzw. immer mehr zu Lassie, Flipper, Fury und Co. Sie scheinen denken zu können, Probleme zu erkennen und selber zu lösen. So erkennt der Hengst zum Beispiel, dass ihre Spuren im Schnee es den Verfolgern zu leicht machen, geht von selbst zurück, um eine falsche Spur zu legen, sucht anschließend nach einem Unterschlupf für die Nacht, um dann seine Mitstreiter dorthin zu führen. Mal abgesehen davon, dass nie gezähmte Wildpferde, die ja durchaus schlau sein mögen, niemals einfach so auf Schritt und Tritt einem Menschen folgen würden, würden sich selbst domestizierte Pferde nicht so benehmen, wie es im Buch beschrieben ist.

Hier wäre es meiner Meinung nach viel besser gewesen, hätte der Autor nicht so wahnsinnig dick aufgetragen. Denn schon das Hauptthema, dass Kalinka ihre eigenen Sorgen und ihre Trauer vergisst, und alles auf sich nimmt, um diese beiden Pferde in Sicherheit zu bringen, um die Przewalski Pferde vor dem Aussterben zu bewahren, liefert doch schon genug Stoff für eine sehr spannende Geschichte.

Trotz der allzu starken Vermenschlichung der Tiere bin ich größtenteils sehr gut unterhalten worden. Daher lautet MEIN FAZIT: 3,5/5 BÜCHEREULEN

 

 

 

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